|
Die Welt - Artikel erschienen am Freitag, 17. September 2004 |
Infineon-Chef Ziebart steht vor harten EntscheidungenMarktplatz
Ein halbes Jahr nach dem
Abgang von Ulrich Schumacher muss der neue Infineon-Chef
Wolfgang Ziebart einen Brand nach dem anderen löschen. So
erzielt der Halbleiterhersteller bis jetzt trotz anziehender Geschäfte
nur magere Renditen und ist weit davon entfernt, seine
Kapitalkosten zu verdienen. Auch die viel beschworene Kostenführerschaft
bei Speicherchips ist längst passé, die Konkurrenz produziert zu günstigeren
Konditionen. Da überrascht es nicht, dass die Anleger kein Vertrauen mehr
in das Papier haben: Die Aktie verlor seit Jahresbeginn ein Drittel
ihres Wertes. Zuletzt verhagelten Rückstellungen für mögliche
Schadensersatzforderungen aus den USA wegen illegaler Preisabsprachen das
Ergebnis des dritten Quartals - das Controlling hatte hier offenbar völlig
versagt. (Infineon bekennt sich schuldig und zahlt 160 Millionen Dollar
Bußgeld) Zumindest diese Front ist durch
die Einigung mit der US-Justiz nun geklärt. Wenn es in Zukunft böse Überraschungen
dieser Art nicht mehr geben soll, dann muss Ziebart schnell Ordnung in die
Führungsetage bringen. Allerdings reicht es nicht,
allein die Altlasten aus der Ära Schumacher zu beseitigen. Ziebart
wird auch weit reichende strategische Entscheidungen treffen müssen. Noch
ist völlig unklar, welchen Weg er einschlägt. Wird er die gut laufende
Automobilelektronik-Sparte stärken? Wird er zum volatilen
Speicherchip-Geschäft auf Distanz gehen? Hohe Erwartungen lasten auf dem
Autoelektronik-Experten. Selbst Gewerkschaftsfunktionäre bezeichnen ihn
nicht ohne Respekt als "glasharten Sanierer, der genau weiß, was bei
Infineon im Argen liegt". Diesem Ruf wird Ziebart bald gerecht werden müssen. Denn der Auslesewettbewerb in der Branche wird noch härter. Experten rechnen damit, dass nur die Hälfte der Halbleiter-Anbieter die nächsten zehn Jahre überleben wird. |